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Talks & Post · Infografik-Experiment

Die Schweiz fährt Europa davon

Ein Kontinent, zwei Welten — wer in Europa wirklich Bahn fährt. Aus einem schnellen ChatGPT-Draft ist eine ehrlich skalierte Metro-Karte geworden: jedes Land eine Station, jede Linie im Verhältnis der Bahnnutzung.

Infografik oder langweilige Balken? Das war eine spannende Diskussion, die sich durch einen Beitrag von Nadine Keil und die Auswertung durch Oliver Ulbrich ergeben hat — und mich danach nicht ganz losgelassen hat. Hier mein erster Draft einer Infografik: Bahnfahrer als Metro-Netz, mit Linien im Verhältnis der Bahnnutzung.

Mir gefallen sicher noch nicht alle Details — etwa die Größe der Zahlen und ein paar Sachen bei der Anordnung. Aber genau das ist der Punkt: Es zeigt, wie schnell man heute eine Idee für eine Visualisierung einfach mal ausprobieren, dann verbessern oder verwerfen kann. Infografiken sind eben kein Standard-Finanzreporting — das ist visuell meist eher ermüdend und nicht ikonisch. Eine gute Grafik bedient einen anderen Zweck: einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich erinnere mich vielleicht nicht an die Zahlen, aber an die Grafik — und kann sie später googeln, weil ich Titel oder Thema noch im Kopf habe. Genau dann hat sie geschafft, was sie soll.

Das Ergebnis. Metro-Karte der Bahnnutzung in Europa · Zugfahrten pro Kopf und Jahr · Quelle: Eurostat 2024 · Balken proportional skaliert (0 – 57,9).

Die Kernaussage in einer Zahl

57,9 : 0,1
So weit liegen Spitze und Ende auseinander. Eine Schweizerin oder ein Schweizer steigt im Schnitt fast 58-mal pro Jahr in den Zug. In Nordmazedonien und Bosnien sind es 0,1 Fahrten — also praktisch nie. Der europäische Median liegt bei 13,3, markiert durch die Slowakei, die genau auf diesem Wert sitzt.

Das Bild teilt den Kontinent in drei Gruppen:

Die Rangliste 2024

LandGruppeFahrten / Kopf
SchweizHoch57,9
LuxemburgHoch46,2
ÖsterreichHoch35,6
DänemarkHoch35,2
DeutschlandHoch35,1
UngarnHoch31,9
SchwedenMittel23,9
NiederlandeMittel20,9
PortugalMittel20,5
FrankreichMittel19,2
TschechienMittel17,5
FinnlandMittel15,0
NorwegenMittel14,7
ItalienMittel14,3
SpanienMittel14,2
SlowakeiMedian13,3
PolenNiedrig10,9
LettlandNiedrig10,4
IrlandNiedrig9,4
SlowenienNiedrig7,4
KroatienNiedrig6,4
EstlandNiedrig5,8
RumänienNiedrig3,7
BulgarienNiedrig3,3
LitauenNiedrig1,8
GriechenlandNiedrig1,4
MontenegroNiedrig1,4
SerbienNiedrig1,2
TürkeiNiedrig0,3
BosnienNiedrig0,1
NordmazedonienNiedrig0,1

Quelle: Eurostat, 2024 · Zugfahrten pro Kopf und Jahr.

Was die Zahlen erzählen

Auffällig ist weniger die Spitze als die Mitte. Die großen Bahnnationen sind keine Überraschung — die Schweiz mit dem dichtesten Taktfahrplan Europas, dazu die kleinen, gut vernetzten Länder Luxemburg und Österreich. Spannender ist, dass selbst Frankreich und Italien — beides Länder mit Hochgeschwindigkeitsnetzen und Milliardeninvestitionen — im Mittelfeld landen: Tempo auf der Fernstrecke ist eben etwas anderes als alltägliche Bahnnutzung über die gesamte Bevölkerung gerechnet.

Und unter dem Median wird aus dem Gefälle ein Abgrund. Wo das Netz dünn, der Takt selten und das Auto Standard ist, fährt die Bevölkerung statistisch fast gar nicht mit der Bahn. Die „zwei Welten" sind also keine reine Nord-Süd- oder Ost-West-Frage, sondern eine Frage von Netzdichte, Takt und Gewohnheit.

Making-of: von der Vorlage zur sauberen Metro-Karte

Die Ausgangsgrafik kam aus einem schnellen Draft von ChatGPT — als U-Bahn-Plan angelegt, schön anzusehen, aber die Balken waren rein dekorativ und nicht maßstabsgetreu. Ziel war eine Version, die den Metro-Look behält, aber ehrlich skaliert. Schritt für Schritt ist daraus eine eigenständige HTML-Grafik geworden.

Erster ChatGPT-Draft der Metro-Karte mit englischer Beschriftung und Wahrzeichen-Icons
Der Ausgangspunkt. Der erste ChatGPT-Draft — englische Beschriftung, gemalte Wahrzeichen-Icons und dekorative, noch nicht maßstabsgetreue Balken.

Das Ergebnis ist eine Grafik, die auf den ersten Blick wie ein Liniennetzplan wirkt — und auf den zweiten Blick als Balkendiagramm funktioniert, das man tatsächlich ablesen kann.

Eine Stufe weiter: den Blick festhalten

Eine statische Grafik zeigt alles auf einmal. Das Auge springt sofort zum längsten Balken, das Gehirn sagt „verstanden" und scrollt weiter. Genau hier setzt der nächste Schritt an: die Grafik baut sich auf, statt einfach da zu sein.

Die Linien zeichnen sich selbst, der Umsteigeknoten erscheint, und dann wachsen die Stationen nacheinander aus dem Median heraus — bewusst vom kleinsten Wert nach oben. Das ist kein Selbstzweck: Der Aufbau erzwingt ein Tempo. Der Betrachter wartet, schaut zu — und schenkt der Grafik damit ein paar Sekunden echte Aufmerksamkeit, statt sie in einer Zehntelsekunde zu „erledigen".

Und die Reihenfolge erzählt mit: Weil der Aufbau unten beginnt und sich nach oben arbeitet, wird die Schweiz mit 57,9 zur Pointe — der längste Balken kommt zuletzt und schießt nach rechts heraus. Das Gefälle, um das es im ganzen Stück geht, wird so nicht nur gezeigt, sondern inszeniert.

▶ Animierte Version · baut sich auf
Die animierte Variante. Linien zeichnen sich selbst, Stationen erscheinen vom kleinsten Wert aufwärts — die Schweiz kommt als Letztes. „Neu starten" spielt den Aufbau erneut ab. (Wer reduzierte Bewegung aktiviert hat, sieht die Grafik sofort statisch.)

Wichtig bleibt das Maß: Animation soll die Aussage tragen, nicht überdecken. Ein Aufbau, der die Kernbotschaft betont, hilft — Effekte, die nur blinken, ermüden. Und die statische Version oben bleibt die Arbeitsfassung: Sie ist sofort lesbar und lässt sich als Bild teilen. Die Animation ist die Bühne fürs erste Hinsehen, der ehrlich skalierte Balken die Substanz dahinter.

Brücke zu Power BI: als DAX-HTML-Visual

Und weil die ganze Grafik am Ende nur SVG ist, lässt sie sich auch dorthin bringen, wo die Daten ohnehin liegen: nach Power BI. Ein HTML-Content-Visual (z. B. „HTML Content" von Daniel Marsh-Patrick) rendert beliebiges HTML/SVG direkt im Report — gefüttert aus einer DAX-Measure, die genau dieses Markup als Text zurückgibt.

Der Trick ist vor allem Fleißarbeit: Das komplette HTML wandert als ein langer String in die Measure, und alle Anführungszeichen " im Markup werden für DAX zu doppelten "" verdoppelt. Die Fonts kommen weiterhin von Google Fonts (der Report braucht also Internet bzw. eine freigegebene Domain), und die Aufbau-Animation läuft im Visual genauso wie im Browser.

Hier sind die Werte noch fest im String hinterlegt — die Grafik ist also ein „Poster". Der nächste, ehrliche Schritt wäre, Stationen und Balkenlängen per DAX aus dem Datenmodell zu erzeugen, sodass sich das Visual mit den Daten aktualisiert. Fürs LinkedIn-Bild reicht die statische Variante; fürs echte Reporting lohnt die dynamische.

DAX-Measure · HTML Content Visual
Lade DAX-Code …

So nutzt du's: neue Measure anlegen, den Code einfügen, ein HTML Content-Visual auf den Canvas ziehen und die Measure als Wert zuweisen. Die ""-Verdopplung ist DAX-Syntax und bleibt im Code.

Fazit

Europa fährt nicht gemeinsam Bahn, es fährt in zwei Geschwindigkeiten. Zwischen 57,9 und 0,1 Fahrten pro Kopf liegt kein Detail, sondern ein struktureller Unterschied — und genau den macht eine Grafik sichtbar, sobald die Balken ehrlich skaliert sind.

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