Daten-WG · Knowledge Kitchen — Kleines Modell

E-Auto-Klimabilanz: Was zählt — der Auspuff oder der Lebenszyklus?

Eine TUM-Meta-Analyse kommt auf −41 % B CO₂ gegenüber dem Verbrenner, die ICCT-Studie für Europa auf −73 % A. Beide können methodisch sauber sein — entscheidend sind die Annahmen (die TUM-Methodik kann bislang allerdings niemand prüfen, der Volltext ist unveröffentlicht). Dieses kleine Modell macht die Hebel drehbar.

Stand 30.08.2026 · Modell: eauto/scripts/model.py · Jede Zahl mit Quelle + Konfidenz A amtlich/mehrfach · B seriöse Sekundärquelle · C Einzelquelle/Setzung

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Der Anlass · zwei Studien, zwei Zahlen

Am 30.08.2026 berichtete BILD vorab über eine Studie der TU München[1]: Die EU-Flottenregulierung misst CO₂ nur am Auspuff — ein E-Auto gilt dort als 0-Gramm-Auto. Über den ganzen Lebenszyklus (Rohstoffe, Batterie, Strommix, Recycling) liege die Ersparnis gegenüber dem Verbrenner aber im Mittel nur bei −41 % — so das Ergebnis einer Auswertung von 19 Studien mit 47 Szenarien[2]. Die ICCT-Lebenszyklus-Studie vom Juli 2025 kommt für Europa dagegen auf −73 % (63 vs. 235 g CO₂e/km)[4].

Wie passt das zusammen? Vor allem über vier Annahmen: Wird der Strommix über die Nutzungsdauer statisch oder sinkend gerechnet? Welcher Batterie-Fußabdruck (ältere Studien: bis dreimal höhere Werte als aktuelle Fertigung)? Welche Lebensfahrleistung (150.000 oder 240.000 km)? Und welcher Vergleichs-Verbrenner? Unten kannst du jede dieser Stellschrauben selbst drehen.

Transparenz: Der Volltext der TUM-Studie war bei Erstellung dieser Seite noch nicht veröffentlicht (Vorstellung angekündigt für Anfang September 2026, vor der Abstimmung über das EU-Automobil-Paket im November). Alle TUM-Zahlen stammen aus Medien-/Agenturberichten B. Die Presets „≈ TUM“ und „≈ ICCT“ sind nachgestellte Annahmen-Sets, die auf die berichteten Endzahlen führen — nicht die Originalrechnungen. Erste kritische Einordnungen der TUM-Studie sind ebenfalls verlinkt[3].

1Die Auspuff-Logik

Die EU-Flottengrenzwerte zählen nur, was aus dem Auspuff kommt (Tank-to-Wheel). Ein Verbrenner wird also mit seiner Verbrennung bilanziert — aber ohne die Vorkette des Kraftstoffs. Ein E-Auto steht mit 0 g/km in der Bilanz — ohne Batterieproduktion und ohne Ladestrom. Die Lebenszyklus-Sicht (LCA) zählt beides voll. So sieht der Unterschied mit den aktuellen Modell-Einstellungen aus:

Links die Regulierungssicht (nur Auspuff), rechts die Lebenszyklus-Sicht des Modells (Produktion + Nutzung + End-of-Life, verteilt auf die Lebensfahrleistung). Die Balken rechts ändern sich live mit den Reglern unten.

Beide Sichten haben einen Zweck: Die Regulierungssicht ist einfach mess- und durchsetzbar, die LCA-Sicht ist die ehrlichere Klimabilanz. Die TUM-Kritik zielt genau auf diese Lücke — und daran hängen industriepolitische Fragen (Batteriefertigung, grüner Stahl, Standort), weil eine LCA-Regulierung Produktionsemissionen plötzlich mit bepreisen würde[1].

2Das Modell: dreh selbst

Verglichen wird ein durchschnittliches batterieelektrisches Auto (BEV) mit einem durchschnittlichen Benziner — beide mit Flottenmittel-Realverbräuchen und identischem Fahrprofil — über die gesamte Nutzungsdauer. Presets stellen dokumentierte Szenarien ein, jeder Regler lässt sich danach frei ändern (ein sparsamer Kompakt-Benziner mit 6,5 l ist also genauso einstellbar wie ein SUV). Die Vorgabewerte sind bewusst konservativ gewählt — z. B. Batterie 75 statt aktuell ~55 kg CO₂e/kWh: Wo das Modell irrt, irrt es tendenziell zulasten des E-Autos.

CO₂-Reduktion E-Auto vs. Verbrenner (Lebenszyklus, inkl. End-of-Life)
E-Auto gesamt, verteilt auf die Fahrleistung
Verbrenner gesamt (Well-to-Wheel + Produktion)
Break-even (ohne End-of-Life): ab hier ist das E-Auto vorn

E-Auto

Verbrenner

Strommix beim Laden

Nutzung & End-of-Life

Wann rechnet sich der CO₂-Rucksack?

Das BEV startet mit höheren Produktionsemissionen (vor allem Batterie) und holt sie im Fahrbetrieb auf — wie schnell, bestimmt der Strommix:

E-Auto (kumuliert) Verbrenner (kumuliert) Break-even

Kumulierte Emissionen ab Produktion über die Kilometer. End-of-Life-Terme werden erst in der Gesamtbilanz verrechnet und sind hier nicht enthalten.

Woraus sich die Bilanz zusammensetzt

Produktion (ohne Batterie) Batterie Ladestrom Auspuff (TTW) Kraftstoff-Vorkette End-of-Life (± saldiert)

Gesamtemissionen über die Lebensfahrleistung in t CO₂e. Der End-of-Life-Term kann als Recycling-Gutschrift negativ sein — er wird im Summenwert rechts verrechnet.

3Der stärkste Hebel: der Strommix

Hält man alle übrigen Regler fest und variiert nur einen statischen Strommix, ergibt sich diese Kurve — mit den realen Mix-Werten als Marker:

CO₂-Reduktion des BEV gegenüber dem Verbrenner als Funktion des (statischen) Strommix. Unter der Nulllinie wäre das BEV schlechter. Marker: Mix-Referenzwerte aus model_params.json.

4Monte Carlo: die Bandbreite ehrlich gerechnet

Punktwerte täuschen Präzision vor. Deshalb zieht die Seite beim Laden 1.000 Parameterkombinationen aus den dokumentierten Spannen (Dreiecksverteilungen: Modus = Mittelwert, Grenzen = min/max der Regler) und rechnet jede komplett durch — einmal je Netz-Region Deutschland, EU-27 und Welt. Die Simulation läuft live in deinem Browser und wird gegen die Python-Referenz verifiziert (Badge unten). Sie nutzt die dokumentierten Verteilungen, nicht die Reglerstellungen aus Kapitel 2. Wichtig für die Lesart: Die Bänder mischen Streuung über reale Fahrzeuge und Fahrer (kleines vs. großes Auto, Wenig- vs. Vielfahrer) mit echter Unsicherheit der Parameter — sie beschreiben die Bandbreite realer Fälle, nicht die Unsicherheit eines Mittelwerts. Die Flottenrechnung in Kapitel 5 trennt das sauber. Zur Notation: Median = die Mitte aller Ziehungen; [P5–P95] = das Band, in dem 9 von 10 Ziehungen liegen.

Drei Korrelationen, damit die Kombinationen konsistent sind

Fix bleibt der Tank-to-Wheel-Faktor (Benzin, 2,37 kg CO₂/l) — die Benziner-Referenz wird nicht zwischen Kraftstoffarten gezogen.

Der Produktions-„Rucksack“

Womit beide Autos ins Leben starten — Produktion inklusive Batterie, bevor der erste Kilometer gefahren ist:

Rucksack E-Auto, Median [P5–P95]
Rucksack Verbrenner, Median [P5–P95]
Mehr-Rucksack des E-Autos, Median [P5–P95]

Verteilung der Produktionsemissionen über 10.000 Ziehungen, gemeinsame Achse. Senkrechte Linie = Median, Balken unter der Verteilung = P5–P95-Spanne.

Ersparnis je Fahrzeug — drei Netz-Regionen

Dieselben 10.000 Fahrzeuge, dreimal gerechnet: geladen im deutschen, im EU- und im Welt-Strommix (jeweils mit sinkendem Pfad und der jeweiligen Pfad-Unsicherheit):

Lebenszyklus-Ersparnis des E-Autos gegenüber dem Verbrenner in t CO₂e je Fahrzeug. Helles Band = P5–P95, dunkles Band = P25–P75, Strich = Median.

Die vollständige Verteilung für Deutschland. Links der Nulllinie wäre der Verbrenner besser gewesen.

Was bewegt das Ergebnis? Jede Annahme einzeln

Ergänzend zur Simulation: Hier wird jede Annahme einzeln von ihrem Minimum zum Maximum gedreht, alle anderen bleiben auf dem Mittelwert — das zeigt, welcher Hebel das Ergebnis relativ zum Ausgangspunkt wie stark verschiebt (sortiert nach Wirkung):

Eine-Annahme-nach-der-anderen-Analyse (deterministisch, kein Zufall), Metrik: Ersparnis je Fahrzeug in Deutschland mit Strompfad. Balken nach rechts = mehr Ersparnis für das E-Auto, nach links = weniger; an den Balkenenden steht der jeweils eingesetzte Extremwert.

5Hochrechnung: Flotte, Deutschland, EU-27, Welt

Gedankenexperiment im eingeschwungenen Zustand: Der gesamte Pkw-Bestand einer Region fährt elektrisch statt mit Benzin — was würde das pro Jahr einsparen? Für die Flotte rechnet die Simulation bewusst nicht mit der Fahrer-Streuung aus Kapitel 4 (die enthält Vielfahrer und würde das Mittel überschätzen), sondern mit einer engen Verteilung um das amtliche Flottenmittel. Bestands- und Emissionsdaten: KBA, ACEA, UBA, EEA, UNEP/IEA[16][17][18][19][20].

So ist es gemeint — und nicht anders: Kein Prognose-, sondern ein Größenordnungs-Modell. Der reale Flottenumschlag dauert ~15–24 Jahre; der Mehrbedarf an Strom ist nicht auf den Strommix zurückgekoppelt; offizielle Inventare zählen nur Auspuff-Emissionen im Inland, unser Modell Well-to-Wheel plus Produktion. Details in den Limitationen.

Jährliche Ersparnis einer vollelektrischen Pkw-Flotte als Anteil an den gesamten Treibhausgas-Emissionen der Region (CO₂e). Hohler Marker = Anteil des Pkw-Sektors laut Inventar (nur Auspuff, zur Einordnung), Band = P5–P95 der Simulation, Strich = Median.

Was dieses Modell nicht vergleicht: Es stellt nur Antrieb gegen Antrieb — nicht Auto gegen Bahn, Rad oder das nicht gekaufte Auto. Die größten Klima-Hebel der Mobilität bleiben Vermeiden und Verlagern vor Verbessern: Ein kleines E-Auto mit wenig Fahrleistung schlägt jedes große — das lässt sich oben direkt nachstellen (Batteriekapazität 35 kWh, 8.000 km/Jahr), und weniger Auto schlägt beides.

6Einordnung: Warum −41 % und −73 % beide „stimmen“ können

Was im Modell robust ist — und was kippt: Mit aktuellen Batterie-Fußabdrücken (≲ 80 kg CO₂e/kWh) und durchschnittlicher Fahrleistung bleibt das E-Auto selbst mit reinem Steinkohlestrom vorn (siehe Kohlestrom-Preset); mit realen europäischen Mixen liegt es klar vorn, die Frage ist nur wie weit. Die Bilanz kippt erst, wenn mehrere ungünstige Annahmen zusammenkommen — historische Batteriewerte (≳ 100 kg CO₂e/kWh) plus Kohlestrom, oder sehr kurze Lebensfahrleistung. Genau das lässt sich mit den Regler-Extremen oben nachstellen. Und: Die 0-Gramm-Anrechnung der EU-Regulierung ist tatsächlich keine Klimabilanz — darin haben beide Studien recht. Strittig ist, welche Konsequenz daraus folgt: eine LCA-Regulierung bzw. ein CO₂-Grenzausgleich für Batterien und Stahl, ein schnellerer Ausbau sauberer Stromerzeugung — oder, wie die TUM-Autoren folgern, „Defossilisierung“ auch über Kraftstoffe für die Bestandsflotte[2]. E-Fuels bildet dieses Modell nicht ab (siehe Limitationen); zur physikalischen Einordnung gehört aber: Über die Wirkungsgradkette benötigt ein E-Fuel-Pkw pro Kilometer ein Mehrfaches — Größenordnung fünffach — an erneuerbarem Strom gegenüber einem batterieelektrischen Auto.

7Limitationen

8Quellen